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Viertelfinale Nr.2 - Zweiter Gruppe A - Erster Gruppe B
Freitag, 20.06.2008 20:45 Uhr, Wien
Kroatien - Türkei 1 : 3 ( 1 :
1 ) ( 0 :
0 ) nach Eleven Meters
Ein Bericht von Tini und Sasha aus dem tiefsten Osten
(Bandelstorf)
Wie
Fußballfans, Männer und andere über Fußball informierte
Spezies über die EM denken, ist ja weitläufig bekannt.
Wie Tini und ich darüber denken, blieb bislang im
Dunkeln und hat auch niemanden interessiert. Letzteres
hat sich nicht geändert – ersteres ändert sich im
Folgenden:
Aus gegebenem Anlass der
Versuch einer Fussballbetrachtung aus dem Osten der
Republik. Aus Sicherheitsgründen meiden wir Public
Viewing.
Es handelt sich um
ein Turnier der Spitzenklasse – so jedenfalls der
Kommentator. Kroatien und die Türkei bekriegen sich. Wir
wünschen uns, dass die Türkei gewinnt. Das hat übrigens
überhaupt gar nichts mit fussballerischem Wissen zu tun.
Egal wie das Spiel ausgeht, sollten wir öfter mal Döner
essen. Ich muss Tini gleich mal mein Wissen über die
Dönerspieß-Herstellung weitergeben. Bis dahin noch eine
Frikadelle auf die Faust.
Blau, rot, blau, rot
– Tini, wer ist eigentlich wer?
Achso.
Es wird ziemlich
schnell klar, dass der Kommentator mit dem selben Elan
der momentanen Berichterstattung wohl auch die
Live-Übertragungen vom Bodenturnen moderiert. Ruhig,
bedächtig, einschläfernd. Seine Schwiegermutter ist
bestimmt begeistert, wenn er zur sonntäglichen
Erdbeertorte vorbei kommt – sofern er eine hat. Wenn
nicht, dann spätestens nach der EM.
37. Jemand, der so
ähnlich heißt wie der muslimische Messias, versucht das
Tor zu treffen.
Es klappt wieder
nicht. Doofmann.
Tini telefoniert und
E-Plus sollte sein Netz im Osten unbedingt ausbauen.
43. Ein Mann namens
Tuncay hat Stollen ins Knie bekommen. Bounce! Aber nicht
absichtlich, sagt der Mann in Blau. Nun gut, sagt der
Schiedsrichter. Hmpf, sagt Tini.
Wir stellen fest,
dass die Torwärter öfter mal grüne Shirts tragen.
Vielleicht gibt es dazu Regeln. Wir können uns nicht
entscheiden: Schwarz sieht immer irgendwie gut aus. Aber
grün ist wie Waldmeister und Waldmeister ist eh die
beste Wackelpuddingsorte.
Halbzeit. Der
Kommentator hält jetzt endlich die Klappe und Günni
Netzer schaltet sich ein. Den mag niemand. Er hat sich
Botox spritzen lassen und die Doku über die Toupets
nicht gesehen. Herr Netzer redet von Spekulationen und
Elf-Meter-Schießen. Ich bekomme Lust auf Spekulatius und
mindestens elf weitere Spaghetti mit Soße. Morgen soll
das Wetter gut werden. Eine der aufreibensten
Nachrichten am heutigen Abend. Bounce!
Herr Netzer sagt, er
habe heute noch keinen Höhepunkt erlebt. Der
Schwiegermuttertyp neben ihm blubbert, während der Anzug
Falten schlägt, und meint, dass irgendeinem Spieler
Viererketten gefielen. Hä? (Schreiben neben Zuhören ist
schwierig... Rushdie? Herr Netzer, was hat DER denn
jetzt damit zu tun? Morgen kaufe ich mir eine Einführung
in den aktuellen internationalen Fussball.)
Es gibt einen
karierten Fanblock.
Wenn man Tore
einschmilzt, kann man Beine draus machen, sagt die
Werbung. Interessant. Recycling ist doch immer wieder
eine gute Idee.
„Zurück auf dem
Wiener Rasen,“ sagt der Erdbeertortenschwiegersohn. Tini
isst Wiener Würstchen – was für ein nebensächlicher
Zufall!
Dem Thema Fussball an
sich wurde sich in diesem Bericht bisher unzureichend
gewidmet – vielleicht ist die sportliche Form in der
zweiten Halbzeit besser. Brainstorming!
Der Bruder hat alle
Nudeln aufgegessen. Hmpf.
Nihat. Bounce. Jetzt
die Blauen. Ins Aus. Nicht ins Tor. Blöde Idee. Pfiff.
Es macht mehr Spaß nur indirekt den Fußball zu
kommentieren.
Ein Blauer Mann fällt
hin. Ein roter Mann fällt hin. Ein gelber Mann mischt
bunte Karten.
Bei dieser EM wollen
sich die Trainer augenscheinlich besonders interessant
machen und springen wie die Dummen am Spielfeldran rum.
Als würden diese alten Männer durch ihr hysterisches
Rumgekreische noch irgendetwas ausrichten können. Alle
wegsperren – nur dann kommen auch so lustige
Nasenbohrer-Aufnahmen wie die vom Herrn Löw zustande.
Eckstoß in der 51.
Minute. E-Plus hat das Netz scheinbar recht fix
ausgebaut. Der Ball hat eine Torphobie. Ich kann ihn
verstehen.
Ich verstehe weder
die türkischen, noch die kroatischen Spielernamen.
Tini soll das scheiß
Referendariat machen, sagt Riem. Weil sie dann
unabhängig sei. Ich bin dafür. Aber nur, wenn's in
Münster stattfindet.
KazimKazimKazim
(Zitat Kolja) geht.
Lutschi antwortet
nicht mehr. Dabei sind wir nicht so sehr behindert.
Im Aquarium geht das
Licht aus. Die Fische sollen das Fussballelend nicht
sehen.
Es gibt mehr
Pfefferminzschnaps und ein Abseits – obwohl Torchance –
für eine der beiden Mannschaften...
Mein Kochen fand ich
geil. Tini muss mir zustimmen.
Tinis Fuß juckt.
Vielleicht war's
wieder eine dieser fiesen ostdeutschen Mücken.
Die Katze ist
aufgeregt.
Hat jemand den
Silberrücken schon gesehen? Nein? Liegt vielleicht an
den schlechten Torchancen der Kroaten.
Tini setzt sich jetzt
genau vor den Fernseher um den schönsten Spieler zu
finden. Dabei beisst sie sich in den Fuß.
Spielt der Trainer
jetzt mit? Oder versucht er vom Spielfeldrand aus Mazdas
zu verkaufen?
Kümmel.
Der Ball fliegt übers
Tor hinaus. Ein blauer Mann hat Schuld.
Hamit soll sich die
Haare schneiden, finden wir. Der Autoverkäufer soll das
mal die Luft ablassen, der aufgeplusterte Trainer, der.
Der eine blaue Spieler soll sich unbedingt eine
Zahnspange zulegen – damit muss doch heutzutage niemand
mehr leben, oh Himmel!
Nur wenige Leute
fallen heute hin. Nicht wie gestern, als Cristina
Ronaldinha gefaked hat, die Kuh.
Oh, schonwieder hat
der Ball sein Eigenleben realisiert.
Der Bruder sagt, es
würde nix mehr reingehen. Ich meine das Tor, er meint
den Magen und bezieht sich auf die Nudeln.
Schonwieder senile
Torflucht des Fussballs.
Im Ostdiscount hat
Tini eine Trabbikarte gekauft. Der Trabbi ist aber
irgendwie falsch designed. Kann man die Karte
zurückbringen? Oder sind Regeressansprüche bereits
verjährt?
Ecke in der 74.
Minute. Ganz schlecht, sagt der Erdbeertortenmann.
Heisst der Mann wirklich Rosetti? Und wenn ja, ist er
dann tatoowiert?
Topal soll sich auch
die Haare abschneiden, meint Tini. Dem Bruder isses egal
– er greift zum Käsebällchen. Anschließend wundert er
sich über den Text auf der Sektflasche. Was geht hier
eigentlich ab? Was ist „suppliciert“?
Kuckuck? Wann wird
der Ball endlich gedroschen?
„Anflehen“, isses.
Oh, eene
Ooahrfeische! Eene Backpfeife von beeden. Was jeeht hior
app?
Der Bruder mag die
Trikots der Kroaten. Des Schachbrettes unter den Achseln
wegen.
In Wien soll eine
komische Stimmung herrschen. Ein morbides Ambiente.
Sagen wir alle. Und bekommen absurder Weise – und
ekelhaft isses ooooch – Lust auf Wiener Schnitzel.
Der Bruder hat
Kopfschmerzen und muss sich an den Kopf fassen. Die
Katze ist aufgeregt.
Freistoß für Gürkan.
Ach nee, der hat den anderen getreten und nur den
Freistoß provoziert. Der Modrige darf schießen.
Hoffentlich reisst sich der Ball zusammen!
Die Katze stresst.
Aua.
Der Mann im scharfen
Schwarz hat dem Ball in seiner Phobie geholfen. Der
Erdbeertortenschwiegersohn ist mindestens so aufgeregt
wie die Katze.
Rushdi schießt.
„Er klärt
....blabla....“ - We love Fussball-Vokabular.
Auch Türken haben
einen Steiß, stellen wir beim Aufprall des Selben auf
die Spielfläche fest.
Dem Bruder gefällt
mein Vokabular nicht. Schnauze, Fury!
Der Autoverkäufer
macht gerade ein Geschäft mit dem Mazda – der
Linienrichter zeigt Interesse und Bein. Der moderne Mann
von heute muss sich schließlich auf die Wiedergeburt
vorbereiten.
Jetzt erst verstehen
wir, warum der Silberrücken noch nicht im Bilde war – er
ist gesperrt, informiert uns der Bruder. Na gut. Warum
gucken wir eigentlich dann dieses langweilige Spiel?
Normal sei ich nicht,
sei überhaupt gar nichts mehr, sagt der Bruder.
Raketitsch – oder wie
man den schreibt – rammelt gegen die Bande und kriegt
Gelb.
Der Schiedsrichter
ist entzückt. Nihat foult. Rot diskutiert. Gelb pfeift.
Blau hat den Ball. Kommentator babbelt. Rushdie
schmeisst sich auf die Pille.
Und trotzdem nix
passiert.
Rushdie hat Nerven
wie Drahtseile.
3 Minuten
Nachspielzeit.
Der Moderator ist
kryptisch, sagt der Bruder, und will ihm trotzdem
zuhören.
Drei Mann bauen eine
Mauer. Der Moderator pisst sich in die Hose vor Lachen,
giggelt Tini, weil Rushdie schonwieder gehlten hat.
„Kopfball – zack –
schonwieder,“ kommentiert Tini.
Tony hat kaputte
Füße.
Die Käsebälle werden
langsam aber sicher vernichtet und finden ihr Ende dort,
wo die Sonne nicht scheint und die Spaghetti warten.
Och nö! Zweimal
fünfzehn Minuten mehr. Das ist doch shittig, sag ich,
und weise Tini darauf hin, dass das Glas nur noch halb
voll ist.
Gruppenmassage. Geil.
Sauerei!
Oh, es geht schon
weiter. Gute Flanke, sagt der Kommentator. Ich
persönlich habe nicht hingeguckt.
Tinis Bauch ist
mutiert. Meiner auch. Weil wir fressen wie die Irren,
sagt Tini. Der Bruder sagt, dass alles ok ist, solange
wir keine Verstopfung haben. Diagnose befriedigend.
Nein, der Storch war nicht da. Aber wir haben heute
einen gesehen. Klapp, klapp, ciguena.
Der kroatische
Trainer sieht aus wie ein Franzose – ich kanns nur noch
einmal wiederholen. Der Bruder sagt, er wirke eher wie
ein Versicherungsvertreter im Aussendienst. Tini spastet
und teilt uns ihre Meinung in Klick-Lautsprache mit.
„Auf Wunsch beledern
wir ihnen auch die Schlüssellochrosette.“ zitiert der
Bruder ein ortsansässiges Autohaus. Was ist hier
eigentlich los? Hat denn wirklich niemand mehr Anstand?
Sogar Aalfechte wird heutzutage schon obszön in den
Dreck gezogen.
Zurück zum Fussball.
Ach nee, es geschieht nix. Nihat. (Der einzige Spieler,
den ich erkenne.) Aber auch jetzt gibt es keinen
Strafstoß. „Die Pfeife bleibt stumm.“
Warum tragen die
Trainer alle weiße Hemden? Wer das zu beantworten weiß,
bekommt ein Käsebällchen, wenn er möchte.
Alles fließt, sagt
Tini, meint das Spiel und will Pfefferminzschnaps mit
Sekt mischen.
Senile Feldflucht.
Ich habe schon fünf
Seiten geschrieben. Und Schluckauf. Scheiße. Hör auf an
mich zu denken, du Penner!
Ich habe nur noch
vier Minuten Zeit für das Glas. Wo bleibt der Fussball?
Der Waldmeister schießt immer nur ins aus.
Waldmeisterschnaps wäre geiler als Pfefferminzschnaps,
aber daran müssen wir halt morgen arbeiten. Oh – nur
noch drei Minuten. Was das für ein Druck ist!
Puh. Gerade noch
fertig geworden. Die Leute auf dem Spielfeld auch. Für
die zweite zweite Halbzeit jedenfalls. Und immernoch
kein Tor. Was soll das denn? Dann doch bitte wenigstens
mal Elfmeterschießen. Das wäre spannend.
Der Mann heißt gar
nicht Rushdie, sondern Rüstü. Achso. Egal. Ich habe mich
bereits an Rushdie gewöhnt.
Grätsche. 39 Meter
Freistoß für die Kroaten. Ach, dran vorbei. Wie
erstaunlich.
Der Kommentator
meint, das Spiel sei nichts für Fussballästheten. Aha.
Interessiert mich nicht, aber ich kann mal einen fragen,
ob´s stimmt. Wenn nicht, schmeiße ich mein Studium und
werde Fussballmoderatorin.
Nihat. Wie alt ist
der eigentlich?
Tini furzt mit dem
Mund – auf die Frage hin, ob sie irgendetwas äußern
möchte. „Fußball ist ein Arschloch“, sagt das
brotherheart. Der Trainer sieht scheiße aus. Der
Spieler auch. Wer denn? Keine Ahnung. Jedenfalls
niemand, dessen Namen wir verstehen. Ich könnte mir
einen Döner vorstellen.
Pfefferminzschnaps.
Bounce.
Gelbe Pfeife, Nihat,
dran vorbei. Warum wusste ich das nur?
Oh – Der Vorspieler
der Türken zeigt Bein. Kahveci. Aha. Verletzung, sacht
er. Und das in der 116. Minute.
Der Waldmeister wolle
ausm Tor rausspringen. Musste er nicht. 117. Minute.
Bruderherz hasst
Fussballer, ist aber Fussballfan, mag Hallenhalma und
Rugby. Mühle mag er nicht. Ist ihm zu staubig, aber bei
Regen bevorzugt er Halma.
118. Minute!
Haaaaaaaaaa! Die ollen Kroaten ham n Tor geschossen. Och
nö. Warum hab ich nur niiiiie recht, was die
Torprophezeihungen betrifft? Fuck you, das hat ma
überhaupt nix mit Spielen und Glück zu tun! Der scheiß
Erdbeertortenfresser kann noch nicht mal richtig lesen.
Bei mir wars die 118. Minute – bei ihm die 119. Idiot.
Geh ma Schule, Alder! Wo ist der Silberrücken?
NAAAAAAAAAAAAAIN!
Ausgleich! Ich melde mich im Fussballverein an! Morgen!
Nein! Jetzt! Wie lustig. Die Penner. Und niemand hats
gesehen, weil alle schon eingeschlafen waren. Rushdie,
der alte Literatensucker! Der Mazda schein vertickt.
Was jetzt?
Massage.
Ich werde auf jeden
Fall Fussballerin.
Ich werde auf jeden
Fall noch mehr Pfefferminzschnaps zu mir nehmen.
Ich werde dafür
sorgen, dass meine Mannschaft von Pfefferminzschnaps
gesponsort wird.
Elfmeterschießen.
Achtung: Spannung!
Vielleicht.
Paff, der Kroate hat
vorbei gekickt.
Bounce, Arda hat
getroffen. Armer Ball. Ich stelle fest, ich habe die
ganze Zeit Arda für Nihat gehalten. Mist. Vielleicht
doch keine Fussballerkarriere für mich.
Der Kroate hat
reingedroschen.
Die Türken beten.
Mohammed kommt nicht sturzgeburtsmäßig ins Stadion
geplatzt.
Sie treffen und der
Geist zappelt wieder ab.
Die Kroaten müssen
weiter reinprellen, sonst Sense. Vorbei. Pansen, der
doofe Kicker!
Die 22 für die
Türken. Noch ein Mazda über den Tisch gegangen?
Jetzt hat´s der
Kroate schwer. Aber er hat auch Segelohren. Vorbei.
Die Türkei wird gegen
Deutschland spielen! Mamis, holt die Kinder von der
Straße! Omas, räumt die Kissen von der Fensterbank! Und
wir – wir müssen uns einschließen. Oh Gott, das kann ja
heiter werden. Oh Muhamma, das wird ne Sache!
Oh jeh – die Kroaten
tun uns leid. Und wir selbst tun uns auch leid. Denn wir
wagen nicht zu ahnen, was genau geschehen könnte... oh
my very godness, nos cagamos en la puta hostia, tios!
Gracias por su
atención, Tini y Sasha.
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